"Imagination morte imaginez." (Samuel Beckett)

Cornelius Castoriadis (1922-1997), in Athen aufgewachsener, seit 1945 in Paris lebender politischer Theoretiker, Aktivist, Philosoph, Psychoanalytiker, Ökonom, war Mitbegründer der Zeitschrift und gleichnamigen politischen Gruppe "Socialisme ou Barbarie" (1948-1967). Mit dieser Gruppe entwickelte er eine radikale Kritik der westlichen wie östlichen Gesellschaftssysteme und der traditionellen Arbeiterbewegung und formulierte die Grundzüge einer auf der Idee der Arbeiterselbstverwaltung und der Rätedemokratie beruhenden gesellschaftlichen Alternative. Nach der Revolte des Mai '68, zu deren Inspirationsquellen die Gruppe gehörte, praktizierte Castoriadis als Psychoanalytiker und war später als Forschungsdirektor an der "École des Hautes Études en Sciences Sociales" tätig. Er arbeitete die ursprünglichen Konzeptionen im Sinne einer Kritik des herrschenden kapitalistischen Projekts und der Aufklärung und des Weitertreibens des gegen dieses Projekt opponierenden Entwurfs kollektiver wie individueller Autonomie weiter aus. Am Leitfaden der Kategorie des radikalen Imaginären skizzierte er die Umrisse einer Sozial- und Subjekttheorie, die das kreative Element des Sozialen wie des Subjekts in den Mittelpunkt stellt. Neben seinem Hauptwerk Gesellschaft als imaginäre Institution (1975; dt. 1984) liegt von ihm u.a. der erste Band der Carrefours du labyrinthe, einer Reihe von insgesamt sieben Sammelbänden mit Aufsätzen, unter dem Titel Durchs Labyrinth (1978; dt. 1981) auf Deutsch vor.

Einen Überblick über politische Vita und Werk von Castoriadis bietet dieser Text. Ein vollständiges Verzeichnis seiner Schriften und der Sekundärliteratur findet sich hier. Mehrere Aufsätze von Castoriadis und eine ganze Reihe weiterer Texte über ihn und "Socialisme ou Barbarie" können im archiv gelesen werden.

Außer den oben genannten Arbeiten wurde von Castoriadis' umfangreichem Oeuvre zunächst nur wenig ins Deutsche übersetzt. Weder seine klassischen Analysen aus Socialisme ou Barbarie noch die Masse der späteren politisch-philosophischen oder psychoanalytischen Aufsätze sowie der in Frankreich inzwischen erschienenen Texte aus dem Nachlass waren hierzulande greifbar - und sind daher in den hiesigen Diskussionen lange kaum präsent gewesen und gebührend berücksichtigt worden. Das Editionsprojekt "Cornelius Castoriadis: Ausgewählte Schriften" (seit 2006 in insgesamt acht Teilbänden) hat für den deutschsprachigen Raum inzwischen bessere Rezeptionsgrundlagen geschaffen.