Zeugnisse aus der Arbeitswelt:

Das témoignage-Projekt von "Socialisme ou Barbarie"

Die von Cornelius Castoriadis mitbegründete und maßgeblich inspirierte französische Gruppe „Socialisme ou Barbarie“ (1949-1967) entwickelte eine unabhängige politische Position, die sie in der Linken stark isolierte. „Socialisme ou Barbarie“ opponierte vehement gegen die unter Federführung der kommunistischen Partei dominierende Glorifizierung der UdSSR und betrachtete diese, ähnlich wie die westlichen Staaten, als ein bürokratisch-kapitalistisches System der Ausbeutung und Entfremdung. Die Analyse dieses „bürokratischen Kapitalismus“ in Ost und West und der Kampf gegen ihn waren die Hauptthemen von „Socialisme ou Barbarie“.

Mit dieser Kritik an beiden weltpolitischen Polen saß „Socialisme ou Barbarie“ im Kalten Krieg zwischen allen Stühlen. Erst mit beginnenden Erosionserscheinungen des „Realsozialismus“ und insbesondere dem Ungarnaufstand 1956 stießen die Ideen von „Socialisme ou Barbarie“ auf größeres Interesse; sie brachten die Entstalinisierung der Linken in Frankreich entscheidend voran und hatten später Einfluß auf die Neue Linke und die sozialen Bewegungen der 1960er und 1970er Jahre.

Eine zentrale These aus den Analysen des „bürokratischen Kapitalismus“ lautet: der Hauptnerv und die Hauptkonfliktlinie kapitalistischer Gesellschaften verläuft heute entlang der Trennung zwischen Leitung/Leitenden und Ausführung/Ausführenden. Und diese These entwickelte Castoriadis vor allem als Konsequenz aus den empirischen und theoretischen Arbeitsanalysen, die von „Socialisme ou Barbarie“ in den 1950er Jahren in der gleichnamigen Zeitschrift publiziert wurden.

Diese Arbeitsanalysen haben bis heute nichts von ihrer Frische und Originalität verloren. Das von der Gruppe entwickelte Konzept der „témoignages“ (wörtlich: Zeugnisse oder Zeugenaussagen; gemeint sind Erfahrungsberichte aus dem Arbeitsalltag) war der Versuch, Arbeitserfahrungen im modernen Kapitalismus authentisch zu artikulieren, theoretisch zu reflektieren und zu politisieren. Die Arbeitenden selbst wurden dazu ermutigt, Arbeit und Betrieb, ihre Alltagspraktiken und –konflikte zu beschreiben und zu analysieren. Anknüpfend an die stets vorhandenen Keime der Selbstorganisation in der Arbeit sollte daraus eine autonome ArbeiterInnenpolitik entwickelt werden. Ziel dieser Politik war für SouB nicht nur die betriebliche Selbstverwaltung, sondern die verallgemeinerte direkt-demokratische gesellschaftliche Selbstbestimmung durch Räte.

Weitere Informationen zum témoignages-Projekt enthält dieser Aufsatz von Andrea Gabler. Ausführlicher wird die Geschichte der Gruppe und der besonderen Art der S. ou B.-Arbeitsforschung in ihrer Studie Antizipierte Autonomie (Hannover: Offizin 2009) erzählt.

Einen Band mit einer umfangreichen Auswahl von Texten aus der Zeitschrift "Socialisme ou Barbarie" haben ehemalige Mitglieder der Gruppe herausgegeben: Socialisme ou Barbarie - Anthologie, La Brussière: Akratie 2007.

Die Originalausgaben der Zeitschrift nach und nach in gescannter Form zur Verfügung zu stellen ist das Ziel dieses Projektes.

Schließlich findet sich eine Reihe weiterer Texte, die über "Socialisme ou Barbarie" und die témoignages informieren, in unserem "archiv".